
In dem mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichneten Roman „Wolf“ von Saša Stanišić geht es um ein Ferienlager im Wald.
Wer kennt das nicht als Vater oder Mutter? Der eigene Urlaub ist zu Ende, die Ferien der Kinder aber noch lange nicht. In Baden-Württemberg beginnt die Schule erst wieder zum 15. September. Was tun? Die Vorstellung darüber, wie solche Zeiten zu überbrücken sind, gehen häufig auseinander…
„Wolf“, ein Jugendroman von Saša Stanišić
In dieser Lage befinden sich auch Mutter und Sohn im Jugendroman „Wolf“ von Saša Stanišić, erschienen im Carlsen Verlag. Die alleinerziehende Mutter schlägt dem Sohn ein Ferienlager im Wald vor, weil sie nicht freibekommt, der Sohn ist davon trotz aller Bemühungen der Mutter nicht zu begeistern:
»Ich finde Bäume nur als Schrank super«, sage ich. Mutter wischt sich mit dem Handgelenk eine Strähne aus dem Gesicht. Die Geste macht, dass sie komplett müde aussieht. Ich seufze und klappe die Broschüre auf. Der Waldbroschürenwald sieht aus, als hätte jemand gerade durchgesaugt, und die Waldbroschürenlichtung, als hätte jemand das Gras gekämmt. Ich wette, die Hütten auf der Lichtung wurden extra sauber geschrubbt für die Fotos. Wüsste man nicht, was für heimtückische Zeitgenossen Wälder sind, könnte man sie wegen solcher Broschüren für komplett harmlos halten. Keine Brennnesseln, kein dorniges Dickicht – ich meine, allein schon das Wort »Dickicht«!
Aber schließlich geht er natürlich mit, weil es letztlich normal ist, dass Eltern Pläne machen, auch ohne die Kinder zu fragen, weil es nun mal nicht anders geht. Also geht’s weiter mit der Busfahrt ins Ferienlager, mit dem Ankommen dort, der Begrüßung durch die Betreuer, der Einteilung in die Hütten. Das alles lässt der vielfach ausgezeichnete Autor Saša Stanišić seinen Ich-Erzähler mit solch einem trockenen Humor und feiner Beobachtungsgabe kommentieren, dass man das Buch nicht mehr weglegen möchte – übrigens auch als Erwachsener, der nicht mehr ins Ferienlager muss.
Der Roman ist aber nicht nur witzig und komisch, sondern auch ernst und melancholisch, realistisch und phantasievoll zugleich. Es geht um Außenseitertum und Mobbing, um Feigheit und Mut und das dazwischen. Um Schönrednerei und Wegschauen, manchmal Klartext, und manchmal ums Verstummen, weil im Leben die Dinge nicht immer zum Guten gewendet werden können. Und dennoch wird es nicht richtig schwermütig, dazu bleibt der Erzählton des sympathischen Autors, der selbst einen Sohn hat, dann doch immer noch zu phantasiereich und komisch, etwa wenn die Hauptfigur bemerkt:
Meine Feigheit sticht mich stechmückengleich von innen in die Brust.
Die schwarzgelben Bilder der Illustratorin Regina Kehn sind von einem stimmungsvoll-magischen Realismus, der die Mehrdeutigkeit der Erzählung sehr gut erfasst. Der Roman wurde mit dem Deutschen Jugenbuchpreis ausgezeichnet. Das Buch wurde übrigens auch von der Stiftung Buchkunst als einer der Schönsten Deutschen Bücher 2024 prämiert, in der Stadtbibliothek Reutlingen gibt es dazu bis 13. September eine kleine Ausstellung. Er eignet sich für Kinder ab 10 Jahren, auch für solche, die nicht ins Ferienlager fahren, aber noch Beschäftigung für die letzten Ferienwochen brauchen!
Buchinformation
Saša Stanišić
Wolf
Carlsen Verlag, 2023
ISBN: 978-3551322494
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