Solidarität: vielleicht eines der besten Medikamente in Krisen wie dieser

Solidarität: vielleicht eines der besten Medikamente in Krisen wie dieser

Es ist noch nicht lange her, da haben Sie hier einen Beitrag über Neuanfänge, Vorsätze und gute Gewohnheiten gelesen.

Und jetzt?

Mitte März steckt die Welt in einer großen Krise. Und wie könnte man den aktuellen Weltzustand angesichts des Corona-Virus, der ungelösten Flüchtlingssituation an der europäischen Grenze in Griechenland und einer allgemeinen Unsicherheit besser beschreiben als mit den Worten Friedlich Hölderlins?

Am 20. März 2020 jährt sich Friedrich Hölderlins Geburtstag zum 250. Mal

Am 20. März 2020 jährt sich Hölderlins Geburtstag zum 250. Mal

Der lebte von 1807 bis 1843 in Tübingen am Neckar im Hölderlinturm in der Obhut der Familie Zimmer und schrieb in seinem Gedicht Der Zeitgeist diese Zeilen:

Zu wild, zu bang ist’s ringsum, und es
Trümmert und wankt ja, wohin ich blicke

Diese Krise betrifft uns alle. Spätestens nach der Dramatik der letzten Woche wird es wohl jedem einzelnen bewusst geworden sein, dass die Corona-Krise niemanden unberührt lassen wird, weil sie alle Lebensbereiche durchdringt. Wie aber schaffen wir es, mit einer solchen Ausnahmesituation umzugehen?

Informationen filtern, Grenzen setzen, Verständnis zeigen

Jeden Tag werden wir von einer Vielzahl von Informationen, wichtigen und unwichtigen, überflutet. Wie mit dieser Informationsflut in Sachen Corona (COVID-19) umgehen? Für die meisten von uns dürfte es genügen, sich ein- bis zweimal am Tag richtig zu informieren.

Am besten geht man dafür auf die Website einer renommierten Einrichtung, zum Beispiel der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder auf die Seite des Gesundheitsministeriums Baden-Württemberg, auf der die nötigen Informationen sachlich dargestellt werden. Auch der Landkreis Reutlingen hat eine Website eingerichtet. Sehr informativ und seriös ist übrigens auch der NDR-Podcast mit dem Virologen Prof. Dr. Christian Drosten, den viele von Ihnen aus dem Fernsehen kennen. Er spricht fast täglich 30 Minuten im NDR über das Corona-Virus. Die Folgen kann man hier nachhören oder als Podcast laden.

Aber: die ständige Wiederholung von irgendwelchen Zahlen auf Nachrichtenkanälen hat keinen Informationswert, sondern erschöpft nur. Ob man nun zu den Gelasseneren gehört oder zu denen, die sich mehr ängstigen und sorgen – jedes Gefühl hat seine Berechtigung und sollte weder bei sich unterdrückt noch bei anderen verspottet werden. Über seine Ängste offen zu sprechen, kann zu mehr Verständnis, Mitgefühl und Verbundenheit mit anderen führen.

„Was in Krisen zählt“

So lautet der Titel eines im Jahr 2008 erschienenen Buches des Philosophen und Theologen Michael Bordt SJ. Ich möchte Ihnen ein paar Gedanken dieses Autors vorstellen, die vielleicht auch in der heutigen Situation helfen können, sich zu orientieren. Neben dem damaligen Zusammenbruch der Finanz- und Wirtschaftsmärkte waren vor zwölf Jahren auch der Terrorismus und der Klimawandel bereits Bestandteile der empfundenen Bedrohung. Nun ist ein unsichtbarer, lautloser Feind in Gestalt des Corona-Virus hinzugekommen.

„Krisen fallen nicht vom Himmel. Auch diese (…) Krisen haben ihre Wurzeln in der Vergangenheit. Sie lassen uns einiges, was in den letzten Jahrzehnten geschehen ist, in einem neuen und anderen Licht sehen.“

Damit deutet der Autor an, dass in jeder Krise auch eine Chance liegen kann, denn Krisen eröffnen uns neue Perspektiven.

“Wenn man mit philosophischem Blick an die (…) Krisen herangeht, dann drängt sich schnell eine Vermutung auf. Die Vermutung, dass es eine gemeinsame Wurzel der Krisen gibt und dass diese Wurzel damit zu tun hat, dass Menschen vergessen haben, was im Leben eigentlich wirklich zählt.“

Bordt analysiert dann unsere verschiedenen Vorstellungen von einem angenehmen, glücklichen Leben. Er erläutert den Lesern, welche von diesen Vorstellungen überbewertet sind und welche Bestand haben.

Sind Gesundheit und Geld Voraussetzungen für Glück? Bewirken Statussymbole oder persönlicher Erfolg ein geglücktes Leben? Überhaupt – besteht ein angenehmes Leben aus möglichst häufigen Glücksgefühlen? Oder welche anderen Dinge könnten entscheidend sein für ein als geglückt empfundenes Leben?

Prioritäten setzen

Er endet, so viel sei verraten, mit einer ganz konkreten Prioritäten-Liste, die ich Ihnen hier nicht vorenthalten will.

  1. Schlaf
    „Ohne regelmäßig genügend Schlaf zu bekommen, klappt nichts mehr so richtig. Wenn wir müde und unausgeruht sind, verliert das Leben an Tiefendimension. Dann funktionieren wir vielleicht noch, können aber nicht mehr wirklich leben.“
    Unser Schlafvermögen zeigt uns auch an, was und wie viel wir uns an Nachrichten und Information zumuten können. Lernen Sie hier Grenzen zu setzen. Üben Sie einen gesunden Umgang mit Nachrichten aller Art, denn das Thema Corona wird unser Leben noch länger begleiten.
  2. Körper
    „Ohne dass wir uns körperlich einigermaßen fit fühlen, gelingen auch die anderen Dinge im Leben nur schwer. Sich körperlich wohlzufühlen ist auch für unsere seelische Balance auf Dauer eine entscheidende Voraussetzung.“
    Wir können jederzeit mit guten Gewohnheiten beginnen! Wer jetzt in neuen Strukturen wie dem Home-Office arbeitet, könnte beispielsweise alle paar Stunden eine kleine Fünf-Minuten-Gymnastik einbauen. Oder machen Sie einen abendlichen Spaziergang und genießen Sie den Hoffnung gebenden Frühling.
  3. Bei-sich-Sein
    „Es geht bei dieser Priorität darum, sich wirklich täglich eine Zeit zu nehmen, in der man sich selbst gehört und in der man einen Blick auf sein Leben wirft, so wie es ist. Momente, in denen man sich weder ausweicht noch von sich selbst ablenkt, sondern bei sich ist.“
    Mit einem Gefühl des „Bei-sich-Seins“ fällt es oft leichter, für sich stimmige Entscheidungen zu treffen und Kraft zu tanken.
  4. Beziehungen
    Dass wir physisch weniger Kontakte derzeit haben sollen, bedeutet nicht, dass wir nicht weiter soziale Kontakte pflegen können! Dank der Technologie können wir auf so viele Weisen miteinander kommunizieren. Und vielleicht sind manch’ geschriebene Worte der Zuneigung eine viel wichtigere Nahrung als die zehnte Nudelpackung.
  5. Arbeit oder die Tätigkeit, der wir nachgehen
    „Unsere Beziehungen und die Arbeit werden nur dann kontinuierlich gut gelingen, wenn wir auf unseren Körper hören. Und wenn wir uns ausreichend Zeit nehmen, um uns mit uns selbst zu beschäftigen und uns zu fragen, ob der Kompass unseres Lebens noch richtig ausgerichtet ist.“ Hier sind wir natürlich derzeit besonders gefordert. So müssen wir uns alle neu organisieren, privat wie beruflich. Insbesondere für Menschen mit Kindern und für diejenigen, die sich um ältere Menschen kümmern, ist das jetzt keine einfache Zeit. Zeigen wir auch hier Verständnis und Solidarität füreinander.

Auch in Italien, das ja besonders heftig vom Corona-Virus betroffen ist, hat jeder seine eigene Strategie, mit der Krise umzugehen. Der Tenor Maurizio Marchini macht zum Beispiel seinen Mitbürger*innen in Florenz mit einer Gesangseinlage Mut während der Ausgangssperren:

Bleiben Sie gesund! Und halten wir zusammen!

Ihr Daniel Schmid

Informationen zum Buch

Michael Bordt SJ
Was in Krisen zählt
Zabert Sandmann Verlag Muenchen; Auflage: 1 (28. Februar 2009)
ISBN-10: 9783898832434
80 Seiten, gebunden, 7,99 Euro

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